20. November 2017

Beleg des Monats

Dezember 2017 – Zwei Leitwege auf einem Brief

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Postgeschichte beschäftigt sich vorrangig mit drei großen Themen: Tarife und Frankaturen, Stempelkunde sowie Leitwegen. Diese drei Themen finden sich natürlich bei jedem postgeschichtlich interessantem Brief, aber jeder Beleg hat seine Eigenheiten, die ihn für eines dieser drei Themen prädestinieren.

Heute möchte ich einen Beleg vorstellen, der zwei mögliche Leitwege auf einmal darstellt, in diesem Falle vom deutschen Postamt in Konstantinopel nach Frankreich kurz vor dem Eintritt Frankreichs in den Allgemeinen Postverein (1878 in Paris in Weltpostverein – UPU umbenannt). Der Allgemeine Postverein wurde am 9. Oktober 1874 in Bern gegründet, die Verträge traten in allen Mitgliedsstaaten zum 1. Juli 1875 in Kraft, nur nicht in Frankreich, dort erst am 1. Januar 1876. Der vorliegende Brief wurde am 8. November 1875 in Konstantinopel aufgegeben. Obwohl im Großteil der beteiligten Länder somit schon die Verträge des Allgemeinen Postvereins Gültigkeit hatten, mussten in diesem Fall weiterhin die bilateralen Verträge angewendet werden, da das Bestimmungsland Frankreich eben noch nicht Mitglied war.

Post vom deutschen Auslandspostamt in Konstantinopel wurde zu dieser Zeit auf zwei verschiedenen Wegen in den Westen transportiert. Da waren zum einen die Dienste des österreichischen Lloyd über Warna, an der Küste des erst 1878/79 unabhängig werdenden Bulgariens gelegen oder seltener über Triest, damals der Haupthafen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Der zweite Weg verlief mit der ROPiT, der russischen Gesellschaft für Handel und Dampfschifffahrt über Odessa, heute in der Ukraine gelegen. Von den Häfen bestand direkt oder indirekt Anschluss an Eisenbahnlinien nach Westeuropa. Von Warna ab 1866 über eine Bahnverbindung nach Rustschuk an der Donau und dann weiter mit den Schiffen der österreichischen Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) nach Ungarn, von Triest direkt nach Wien oder aber von Odessa durch die Ukraine und das österreichische Galizien ins preussische Schlesien, wo der Anschluss nach Berlin bestand.

Der Absender dieses Briefes hatte somit verschiedene Transportmöglichkeiten, auch Leitwege genannt, zur Auswahl, die sich natürlich auch in Dauer und Porti unterschieden. Er entschied sich für den Weg mit österreichischem Lloyd und DDSG, vermerkte auf dem Brief “Voie de Varna” und frankierte ihn portogerecht mit 45 Pfg. der neuen deutschen „Pfennige“-Serie, die mangels eigener Marken zu diesem Zeitpunkt auch in den deutschen Auslandspostämtern verwendet wurde. Diese Serie war erst im selben Jahr am 1. Januar 1875 herausgegeben worden als die beiden früheren Währungen des deutschen Reiches – Taler im Norden und Gulden im Süden – zugunsten der Mark abgeschafft worden waren. Die beiden Marken wurden mit dem Datumsstempel “KAISERL. DEUTSCH. P.A. CONSTANTINOPEL 8.11.75” entwertet. Direkt danach muss sich der Absender aber anders entschieden haben. Der Vermerk des Leitwegs wurde mit einem blauem Stift in “Odessa” geändert, eine zusätzliche 5 Pfg. – Marke wurde teils über den zuvor abgeschlagenen Stempel platziert und ebenfalls entwertet. Aufgrund uns nicht vorliegender Informationen hat sich der Absender also im Nachhinein für den Leitweg mit der russischen ROPiT entschieden, der 50 Pfg. kostete. Der Vermerk des Leitwegs wie auch das Porto wurden angepasst. Vorderseitig findet sich noch der blaue französische Eingangsstempel von Avricourt nach Paris, der nur sechs Tage später abgeschlagen wurde. Der rote PD-Stempel bestätigt die komplette und korrekte Vorausbezahlung des gesamten Portos.

Wir haben also vor uns den seltenen Fall, das wir nur einen Beleg brauchen, um zwei mögliche Leitwege dokumentieren zu können. Ein Glücksfall für jeden Postgeschichtler. Der jetzige Besitzer dieses Stückes „musste“ diesen Beleg auch noch aus einem weiteren Grund kaufen. Er wurde auf den Tag genau 87 Jahre vor seinem Geburtstag aufgegeben, ein Geburtstagsbrief.
Aus den Sammlungen Herry Schäfer & Thomas Berger