Literaturbesprechung / Buchbesprechung
Emil Rose Vorarlberg - Stempelhandbuch Hrsg. Philatelie-Club Montfort, 2004 Preis Subskript. 119 D
Vorarlberg ist postgeschichtlich ein heisses Pflaster, und ein Buch, das sich zum Ziel gesetzt hat, dieses Gebiet von der Vorphilatelie bis 1900 zu bearbeiten, erregt Aufmerksamkeit. Offensichtlich besitzt der Autor eine herausragende Sammlung von diesem Gebiet, die es ihm erlaubt, die Stempel einer Neubewertung zu unterziehen. Wer sich mit den Stempeln dieses Gebietes auseinandersetzen will, ist also bestens bedient.
Tatsächlich sind die abgebildeten Briefe eine Augenweide und zurecht wird der dritte Teil: "Besondere Belege der Vorarlberg-Philatelie" als "sehr wichtig" hervorgehoben. Allerdings erstaunen die Interpretationen einiger Auslandsbriefe. Wenn der Taxstempel "7" auf einem Brief von Bregenz nach Avignon (S. 102, 126 und 381) als Transitgebühr durch die Schweiz bezeichnet wird, sind ebenso Zweifel angebracht, wie bei der Behauptung, der bayerische Zuschlag im Vertrag von 1842 sei eine Transitgebühr (S. 366.) In vielen Fällen enthält sich der Autor einer Gebühreninterpretation.
Der postgeschichtliche Teil bleibt farblos und erreicht den aktuellen Forschungsstand nicht. Dort, wo neue' Dokumente angesprochen werden, fehlt der Quellennachweis.
Joachim Helbig
Professor Stenger und die bayerische Pfennigzeit
Wenn hier auf die bevorstehende Auflösung der Stenger Sammlung eingegangen wird, dann nicht etwa zum Zwecke der Werbung, sondern der Information. Es befinden sich dort nämlich Stücke, die möglicherweise in ihrer Bedeutung nicht ohne weiteres erkannt werden, und andere, die vielleicht später noch manche Diskussion auslösen werden.
Prof Stenger gehörte zu einem kleinen Kreis von Liebhabern bayerischer Pfennigmarken, der intensiv und akribisch die zeitgenössischen Ausgaben bearbeitete und erforschte. Sie teilten sich sozusagen die herausragenden Seltenheiten unter einander auf. Stenger tat sich besonders bei der Katalogisierung der Ganzsachen und den Auflagennummern hervor, Hier gelten seine Arbeiten nach wie vor als unverzichtbare Grundlage.
Angesichts der vielen herausragenden Einzelstücke und Briefe gerieten diese Teile der Sammlung in dem soeben erschienenen Auktionskatalog aus dem Blickfeld und sind in ein Sammellot gewandert. Obwohl der überaus wichtige Plattennummernteil der Wappenmarken fehlt, weil er wohl dem Krieg zum Opfer gefallen ist, sind die Nummern der Luitpold und Ludwigserie, letztere mehrfach, erhalten geblieben. Sie werden für die künftige Forschung unverzichtbar sein. Ohne sie lässt sich heute eine Prüfsammlung nur schwerlich aufbauen.
Eines von vielen Blättern der Luitpold - Plattennummern aus der Stenger Sammlung.
Es fehlen nur ganz wenige Nummern.
Die grosse Vorliebe Stengers zu den Plattennummern zeigt sich auch an anderen Stücken, die dadurch zu einmaligen Raritäten werden.
Die 3 Pf. grün, ungezähnt und gestempelt, ist ohnehin eine Seltenheit, mit der Plattennummer "13" wird sie zum einmaligen Beweisstück für die Zuordnung zu einer bestimmten Auflage. (Los 3403)
Ähnlich spektakulär ist das folgende Stück der Portomarke Mi. Nr. 7 im Viererblock mit der Plattennummer 14. Sem meldete in seinem Katalog zur bayerischen Pfennigzeit, für alle einleuchtend, Zweifel an deren Existenz an. Angesichts der kleinen Auflage war ein Druck von mehreren Platten nicht einzusehen. Hier liegt nun erstmals ein Stück vor. (Los 3520)
Bedeutend ist auch ein Schalterbogen der Portomarke Nr. 8 mit der Plattennummer "12", ein museales Stück. (Los 3523)
Dass der kopfstehende Aufdruck von Nürnberg der Portomarke Mi. Nr. P 10 und der doppelte Aufdruck von Pirmasens auf der Mi. Nr. P 12 nicht fehlen, erstaunt da nicht mehr. Sie gehören seit jeher zu den Spitzen dieses Bereiches.
Mi. Nr. P 10 xK auf Briefstück, verwendet in Nürnberg.( Los 3524)
Bei der Durchsicht des Bestandes bestätigte sich meine Vermutung, dass bereits um 1900, als Stenger intensiv sammelte, kaum mehr grössere Einheiten der ersten Pfennigausgabe vorhanden waren. Seine Stücke verschieben zwar die bisherigen Massstäbe erheblich, aber er musste manchmal Zugeständnisse an die Qualität machen, weil offensichtlich zu seiner Zeit keine besseren Stücke vorhanden waren.
Seltene Einheiten der Mi. Nr. 40 und 43 Los 3388 und 3393

Die 3 Pf. grün, Mi. Nr. 37 b glänzt gar mit einem Block von 14 Marken, entwertet mit dem Ovalstempel der Hauptzeitungsexpedition Augsburg. Die meisten Einheiten stammen natürlich von diesen oder anderen Behörden, wie z.B. der oben gezeigte Viererblock der Mi. Nr. 43.
Bei den Briefen verhält es sich kaum anders. Die Sammlung kann mit einigen seltenen und ausserordentlichen Frankaturen aufwarten, aber es sind nicht viele. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass ein grosser Teil der ehemaligen Bestände bereits den Scheren der Sammler zum Opfer gefallen war, zumal die höheren Wertstufen als lose Marken in grosser Zahl überliefert sind.
Auslandsfrankaturen suchen wir in diesem Bestand der Pfennigzeit, wie sonst auch, leider vergebens.
Auf Stenger müssen die qualifizierten Versendungen wie Einschreiben und Eilboten eine grosse Anziehungskraft ausgeübt haben, denn sein Bestand an Eilbotenbriefen und vor allem Postkarten ist erfreulich gross. Dabei befinden sich Stücke, zu denen bisher nichts Vergleichbares vorgelegen hat.
Selbstverständlich fehlt auch bei ihm ein Paar der geschnittenen 10 Pf. karmin, Mi. Nr. 49 U, auf Brief nicht, verwendet in Würzburg, wie wir sie von seinem Sammlerfreund Sessler, kennen.
Wertbrief von Dillingen nach Augsburg, frankiert u.a. mit l Mark, WZ weite Rauten, und 50 Pf. ziegelrot, Mi. Nr. 31 a, 42, 40 (Los 3369)
Doppelbrief von Würzburg nach Höchberg, frankiert mit einem Paar der Mi. Nr. 49 U (Los 3407)
5 Pf. Ganzsache mit Zusatzfrankatur 5 Pf. dunkelgrün und zweimal 10 Pf. karmin, Mi. Nr. 38b, 39 b, mit einem Eilbotenzettel, der vielleicht aus Österreich stammen mag.
5 Pf. Ganzsache mit Zusatzfrankatur 5Pf. dunkelgrün und 20 Pf. graublau (Erstauflage) Mi. Nr. 38 b, 40 a auf Eilbotenkarte
Wer übrigens glaubt, dass sich. in den wenigen, 11 Sammellosen, die gebildet wurden, nur unbedeutender Rest befindet, irrt gewaltig. Die Selbstbeschränkung des Auktionators auf 600 Einzellose wird bei der Besichtigung der Sammlungen manchem das Staunen lehren. Einige reizende und hochdekorative Stücke, die ich im Katalog nicht mehr gesehen habe, müssen sich dort "verstecken". Dazu gehörten auch einige Briefe, die zwar nicht den Prüfbedingungen entsprechen, aber dennoch für Sammler von grossem Interesse sein können. Einige Stücke will ich hier abbilden, um ihre Provenienz bei späteren Auktionen erkennbar zu machen.
Der untere Brief stammt aus der Stenger Sammlung, der obere aus einer, nahezu zeitgleichen, Vorlage eines anderen Auktionshauses. Auf beiden Briefen, von gleicher Hand und am selben Tag aufgegeben, zeigen die Marken Reste einer früheren Entwertung. Ihre Verwendung auf den Briefen ist zweifellos authentisch und der Stempel von Würzburg ist echt.
Man kann nun darüber philosophieren, ob es sich um Postbetrug handelt und sie ein Attest wert wären, andererseits besteht kein Anhaltspunkt, dass die Post derartige Halbierungen zugelassen habe. Unter diesem Aspekt wären sie als "Sammlermache" zu bezeichnen (Vgl. Kohlhandbuch). Jedenfalls gehören die beiden Hälften ursprünglich nicht zusammen.
Auf diesem ausserordentlichen Briefstück, das in natura sehr farbenprächtig aussieht, klebt rechts oben eine l Mark, Mi. Nr. 31 a, dann ein Viererblock (!) der 20 Pf., Mi. Nr. 40 c, und aussen herum drei 5 Pf. grün und eine 3 Pf. grün.
Gewiss die Qualität ist nicht makellos, aber etwas Vergleichbares wurde nie gesehen.
Auf diesem reizenden Briefstück vom Dezember 1888 befinden sich eine 2 Mark orange, l Mark violett, 50 Pf. dunkelbraun und lOPf. karmin, Mi. Nr. 49, 52, 53 \a, 64 \, wahrlich eine Augenweide, so sah das wohl auch Prof. Stenger.
In einer solchen Sammlung, zusammengetragen von einem zeitnahen Kenner der Materie, befinden sich unvermeidlich auch Stücke, auf die man sich keinen Reim machen kann. So ist der folgende Brief, frankiert mit der ersten Ausgabe, dreimal 3 Pf., 10 und 20 Pf, also 39 Pf. nicht nachvollziehbar. Als Umschlag wurde ein gebrauchtes Postformular benutzt, und an das Hauptpostamt in Braunschweig adressiert. Ob die Frankatur mit dem Vermerk "Weiterfranko 24 Centimes" in Zusammenhang steht, konnte nicht geklärt werden, vielleicht ist der Vermerk auch Teil des alten Formulars. Also gibt es für die 39 Pf. keine Erklärung.
Als Prüfer entwickelt man manchmal einen kuriosen Geschmack. Es sind dann oft Kleinigkeiten, die einen Seufzer entlocken. Von meinen erklärten Lieblingen hat nur ein Stück die Ehre als Einzellos erhalten. (Los 3406)
In einer der vielen Schachteln tauchte unvermittelt dieser Brief mit dem Punktstempel von Würzburg auf. Schon die Entstehungsgeschichte dieser Stempel und ihre geringe Verbreitung hat mir von jeher gefallen. Würzburg liegt dabei ganz ausserhalb des Verwendungsgebietes.
Vor Jahren waren mir in einem Bündel drei lose Marken mit diesem Stempel, der bis dahin nur aus den Fabrikunterlagen bekannt war, in die Hände gefallen. Und nun dieser Brief. Der zusätzliche Blankoabschlag muss einfach begeistern.

Witzig fand ich auch den folgenden Brief, bei dem die 30 Pf. Marke vom Absender, denn der Stempel geht über, mit einem "E" übermalt wurde, um sie einer Dienstmarke ähnlich zu machen.
Abgesehen davon, dass der Dienstbrief nach Mecklenburg geht, und eine Verwendung ausserhalb Bayerns stets selten ist, ergibt diese Aktion eigentlich keinen postalischen Sinn. Selbst bei der Abrechnung mit seiner Dienstbehörde konnte der Beamte keinen Vorteil daraus ziehen.
Vielleicht war aber gerade die Versendung nach Rostock der Grund für diese Kuriosität. Der dortige Postbeamte sollte nicht in den Zweifel verfallen, dass diese Marke, ohne "E", gar nicht zulässig für den Dienstbrief sei. - Es bleibt Spekulation, aber lustig ist es, und Prof. Stenger hat wohl gerade deshalb den Brief aufgehoben.
Dass Herr Stenger seinerseits mit Humor gesammelt hat, beweist die folgende Karte. Durch verschobenen Druck kamen auf der Ganzsache zwei Wertstempel zu stehen. In der Sammlung befinden sich einige Stücke auch mit dreifachem Druck des Wertstempels.
Mein persönlicher Favorit ist ebenfalls in ein Sammellos gewandert. Zweifellos nicht gerade als schön zu bezeichnen und kräftig überformatig, spiegelt der Brief doch intensiv die damaligen Verhältnisse und Verhaltensweisen wider.
Es handelt sich um einen "Wendebrief', der über mehrere Jahre zwischen der Bahnstation in Weiden und der Eisenbahndirektion in Regensburg hin und her ging. Dabei kamen unterschiedliche Stempel zum Einsatz, in Weiden auch einmal der Reservestempel. Regensburg annullierte stets seine alte Frankatur mit einem Blaustrich oder mit Rötel, während Weiden einfach weiterfrankierte. Regensburg verwendete auch den 10 Pf. Wert und gar Bei der Versendung an seinen Freund Seyfried, Postbeamter in Landstuhl, verstand es Stenger, den zweiten Wertstempel bei der Frankatur mitberechnen zu lassen. 15 Pf. für die Karte und 30 Pf. (Marke) für das Einschreiben.
die 20 Pf. der Folgeausgabe Ludwig III, während Weiden stets bei der 20 Pf. Luitpold blieb. Allerdings schlich sich oben links eine der seltenen Zwischentypen, Mi. Nr. D 9 III ein. So weit an den Rand geklebt, wurde die durch die Klappe beim Retourversand etwas in Mitleidenschaft gezogen.
Wer sich für Dienstmarken erwärmen kann und an diesem Stück achtlos vorbeigeht, sollte seine Sammelleidenschaft dann doch lieber gebrauchten Bierdeckeln o.a. zuwenden.
